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Kein Nikotin am Morgen

Kein Nikotin am Morgen

Heute ist wieder einer der Tage, die eindeutig in die Kategorie “An Tagen wie diesen” passen. Da wird man am frühen Morgen wach, ist immerhin schon mittelmäßig gelaunt und dann verpasst einem das Leben gleich mal eine volle Breitseite. Das ist toll und ersetzt kaltes Wasser.

In meinem morgendlichen Protokoll ist die Reihenfolge der ersten Schritte fest definiert: Aufstehen. Pipi machen. Rauchen gehen. Es ist ein Standardritual, welches ich mir nicht selbst ausgesucht habe. Es wurde mir aufgezwungen, von meinen Gewohnheiten. Und die sind bekanntlich nicht immer die angenehmsten Zeitgenossen. Das weiß sogar meine Mama. Sie stellt regelmäßig fest, dass meine Gewohnheiten schlecht sind. Na sag ich doch. Keine Ahnung, wer mir diese blöden Dinger untergejubelt hat.

Heute Morgen gab es jedoch einen Fehler im Protokoll. Oder besser gesagt, es fehlte etwas ganz entscheidendes. Meine Zigaretten waren unauffindbar. Schlimmer noch. Sie waren einfach weg und wie sollte es anders sein, inklusive Feuerzeug natürlich. Während ich mich im Dunkeln über das Fensterbrett taste (Dort liegen die nämlich immer.), erwacht dann endlich auch mein Gehirn. Na Guten Morgen auch! Aber, statt mir beim Suchen zu helfen, arbeitete das erst mal seine eigene Checkliste ab:

Aufwachstatus: ok

Blasenstatus: ok

Dopaminstatus: failed

Serotoninstatus: failed

“Großhirn an Big D. Wo bleibt mein Nikotin!!??”

Ja, ja. Ist ja gut, ich arbeite dran. Arbeit am frühen Morgen, wie ich das hasse. Und während ich meiner ersten schöpferischen Tätigkeit des Tages nachgehe, merkt schließlich auch die anderthalb Kilo schwere Masse in meinem Kopf, dass es nicht so einfach ist, Glückshormone ohne äußere, katalytische Einflüsse zu produzieren. Es fäng an zu schmollen und weigert sich hartnäckig, den Kontakt der Synapsen zu anderen Neuronen herzustellen. Stattdessen schickt es mir den für meine morgendliche Motivation so entscheidenden Impuls:

“Großhirn an Big D. Alter, Du wirst senil!”

Na toll. Mein Gehirn meutert. Da geht es mir doch gleich viel besser.

Also gut. Wenn mir Logik nicht weiterhelfen kann, dann vielleicht Systematik. Suchen hat noch keinem geschadet. Das Interessante bei derartigen Suchaktionen ist, dass man auch an Stellen sucht, von denen man genau weiß, dass sich das Gesuchte dort nie und nimmer befinden kann. Man sieht trotzdem nach. Wer vertraut schon einer meuternden Anhäufung grauer Zellen. Also kräftig in die Hände gespuckt und losgesucht.

Kontrollpunkt 1 – Balkon: Der Anlaufpunkt erschien mir naheliegend, da sich die Balkontür genau neben der eigentlichen Standardposition des Corpus Delicti befindet. Ich bin der einzige Raucher hier und gehe deshalb zum Qualmen auf den Balkon. Außerdem steht ja mittlerweile überall, dass Passivrauchen schädlich ist und man Rücksicht nehmen soll. Also nehme ich Rücksicht auf mich.

Balkontür auf, frische Luft identifiziert und als hätte ich es irgendwo geahnt: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Ein leises Kichern in meinem Kopf. Das Gehirn ist immer noch beim Statuscheck.

Sehstatus: failed

“Großhirn an Big D. Hihihi! Du hast die Brille nicht auf.”

Na Bingo! Das ist doch endlich mal eine gute Nachricht. Im Dunkeln taste ich mich zombiemäßig in die vermutete Richtung. Und eine neue Erkenntnis bereichert den Morgen: Mit Schienbeinen kann man Schreibtische finden. Jetzt nur noch ein Griff uuuuuund… Es wurde eh Zeit, dass ich sie mal wieder putze. Ist aber auch egal, notfalls kann man auch durch Fingerabdrücke gucken. Das schnelle Auffinden meines Glotzofons ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass auf dem Balkon nichts ist. Das Nichts ist nur schärfer.

Kontrollpunkt 2 – Schreibtisch. Da war ich gerade schon mal. Wahnsinn! Ich habe ja doch ein Erinnerungsvermögen. Akut war aber auch hier nichts zu sehen. Ah! Licht an, Schubladen auf, herumwühlen, Schubladen zu, Schreibtischtüren auf, noch mal wühlen, Schreibtischtüren zu. Nichts. Und genauso scharf wie auf dem Balkon. Immerhin entdecke ich bei der Gelegenheit, dass das Telefon blinkt. Mama hat angerufen. Ah, gestern schon, nichts mitbekommen.

Hörstatus: failed

“Großhirn an Big D. Du bist ja sowas von taub.”

Die weitere Suche verlief erst einmal wenig spektakulär.

Kontrollpunkt 3 – Schlafzimmer: Checked! Nichts!

Kontrollpunkt 4 – Couchtisch: Checked! Nichts!

Kontrollpunkt 5 – Flur: Checked! Nichts!

Kontrollpunkt 6 – Bad. An dieser Stelle wurde mir mehr oder weniger bewusst, was ich eigentlich gerade mache. Ich tappte wie besessen durch die Wohnung. Ein Kind auf der Suche nach seinem Lieblingsspielzeug. Ja, aber ein Spielzeug, welches ich genau jetzt haben will.

“Großhirn an Big D. Ich WILL jetzt mein Nikotinfrühstück!”

Ach halt doch Dein Maul da oben. Ich auch! Auf der Suche nach dem Glückshormonkatalysator werde ich langsam nervös. In der Badewanne – nichts. Im Rohrschacht – nichts außer nichts. Überall nur nichts. Ich war von diesem Nichts umzingelt. Es war eine nicht enden wollende Geschichte. Gott! Das ist der ENDE!

“Großhirn an Big D. Es heißt nicht der Ende, sondern das Ende.”

Das hättest Du wohl gern. Vergiss es! Blau machen ist nicht. Vielleicht heute Abend. Mal sehen, wie viel Bier noch da ist. Und apropos Ende. Ich meine den Ende. (“Es heißt das Ende!” “Sei still!”) Ich meine den Ende, Michael oder anders herum Michael Ende. Der hat doch “Die unendliche Geschichte” geschrieben. Und die waren dort auch alle vom Nichts umgeben.
Oh! Eine Schutzreaktion. Um das eigene Gewissen zu beruhigen, gibt man am besten jemand anderen die Schuld. Aber egal, ob nun der Ende, die Ente oder das Ende. Das hilft mir akut nicht wirklich weiter. Wo hab ich noch nicht gesucht? KÜCHE!!!

Kontrollpunkt 7 – Küche. Unendliche Weiten. Na gut, fangen wir vorne an. Gläser. Sparschwein. Kaffeetassen.

“Big D an Großhirn. Geht auch erst mal Koffein?”

Das Schweigen der Lemma. Na dann eben nicht! Ah, Brotchips mit Zwiebelgeschmack ist auch noch. Ich sollte öfters mal in die Schränke gucken. Gleich mal probieren ob die noch gut sind. Was haben wir noch? Vomex. Die hat Bella auch genommen. Auch wenn es – Dank meines integrierten Biergewölbes – so aussieht. Ich wurde nicht von einem zwielichtigen Vampir geschwängert. Aber im Moment fühl ich mich so. ‚Schkönnt kotzen! Dagegen hilft dann Vomex.

Und Gott sprach: “Es werde Licht!” und es ward Licht. In Form einer nigelnagelneuen Schachtel Pall Mall blau. Die morgendliche Rettung.

“Großhirn an Big D: Hihihi!”

WAS? Ach Scheiße!
Also gut. Auch wenn es manchmal die große Fresse hat, aber ich habe ein sehr kluges Gehirn. Das weiß sogar, dass Zigaretten ohne Feuer eher nutzlos sind. Vielleicht nicht ganz. Ich muss jetzt nur noch das Feuer finden. Das ist ein uralter Instinkt. Schon die Urmenschen waren ständig mit der Feuersuche beschäftigt.

Ich drehe die Schachtel hin und her. Jetzt habe ich Zigaretten und kriege dieses blöde Nachtschattenzeug nicht zu den Rezeptoren. RAUCHEN KANN TÖDLICH SEIN. Das ist ja die Wahnsinnserkenntnis. Da gehört eine Gebrauchsanweisung hin. Oder irgendwas in der Art: “Bitte Anzünden, falls Feuer zur Hand!” Vielleicht sollte ich mal die kostenlose Service-Hotline anrufen?! Morgens halb sechs? Vergiss es! Und noch 90 Minuten bis die Läden aufmachen.

So langsam habe ich Adrenalin. Also echt jetzt. Ob ich es mal mit dem Toaster versuchen sollte? Ist ja im Prinzip auch nur eine überdimensionierte Variante des Autozigarettenanzünders. Besser nicht. Das gibt nur Stress mit LoveToast. Wo habe ich noch nicht gesucht? Im Kühlschrank! Tür auf, Licht an, blöd rein gucken, Tür zu. Irgendwann wird sich mein Kühlschrank an mir rächen. Nachts. Schlafzimmertür auf, Licht an, blöd rein gucken, Licht aus, Tür zu.
Bierschinken, Salami, Leberkäse, damit krieg ich höchstens einen Cholesterinschub entfacht, aber keine Zigarette. Oh, ein Pudding. Komm zu Papa! Ich gebe Deinen Kalorien ein Zuhause.

Weiter geht es. Gefrierschrank auf, kein Licht, blöd aus der Wäsche gucken. Da sind sie ja!!!

“Big D an Großhirn. Was machen die Kippen im Gefrierschrank?”

“Großhirn an Big D. Die liegen da.”

Ich habe Feuer!!!

YES! – ALTER! – Wo – ist – der – Balkon?

Hat schon mal jemand versucht, sich mit einem gefrorenen Feuerzeug eine anzuzünden? Na herzlichen Glückwunsch! Das ist wie Tutti Frutti ohne Mutti. Mit ein wenig Streicheln und gut zureden brannte es schließlich. Und sie auch. Die Zigarette. Endlich konnte ich zum vierten Punkt meines Protokolls übergehen: Weiterschlafen!

“Großhirn an Big D. Bist Du bescheuert? Dann muss ich alles nochmal machen.”

“Big D an Großhirn. Halt doch endlich Deine Fresse und mach!”

Das hat es dann auch getan. Gequatscht, gequatscht und wieder gequatscht. Das Protokoll hatte schließlich die Nase voll, hat Punkt 4 übersprungen und die nächsten Punkte abgearbeitet: Aufstehen. Pipi machen. Rauchen gehen.

Wäre dann letztendlich nur noch die Frage zu klären: Wie sind Zigaretten und Feuerzeug in den Gefrierschrank gekommen? Ganz einfach. Rauchen, Balkontür zu, Gefrierschrank auf, kein Licht, Zigaretten hinlegen, nach Brot wühlen, Brot finden, Gefrierschrank zu. Gute Nacht!

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