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Kanarischer Albtraum

Kanarischer Albtraum

Geräuschvoll fliegt eine Tür ins Schloss. Ah die Kinners nebenan machen los. Es hört sich an, als hätten sie über Nacht Nachwuchs bekommen, der sich jetzt laut schnatternd in Richtung Ausgang bewegt. Während die beiden zur Straßenbahn hetzen, darf ich mich noch mal umdrehen und weiterschnarchen. Ich liebe Donnerstage.

Kaum habe ich die Schlafseite gewechselt, geht das Dilemma dann aber auch schon los.

Ich stehe mitten in einem Hotel auf den Kanaren. Und ich suche meine Schwester. Keine Ahnung warum. Ich suche sie einfach. Die Eingänge zu den Zimmern im Erdgeschoss sehen aus wie unsere guten, alten DDR-Pappbungalows. Ja, wir hatten nicht nur Autos aus Pappe. Wahrscheinlich sind das hier die billigen Zimmer. Ich verwerfe den Gedanken sofort wieder, als ich meine alte Freundin Wasi sehe. Die hockt da mit ein paar Kids, die mir irgendwie bekannt vorkommen, auf der schwedischen Ikea-Terrasse. Wenn Wasi hier wohnt, sind die Zimmer nicht billig sondern alternativ. Sofort werde ich mit Fragen bombardiert. Wie geht es Deiner Tochter? Was macht Deine Frau? Wohnt Deine Mutter noch auf den Kanaren? Ich versuche mein Gehör zu sortieren. Oh! Ja! Alles gut, Wasi. Kind lebt. Frau Ex. Und Mutti wohnt in Zimmer 384. Winke, winke bis bald! Ich habe schließlich eine Mission zu erfüllen: Mission Lästerschwein. Oder hieß das Schwesterlein? Ich bin verwirrt und gehe in einen Seitengang.

Das erste was ich sehe, ist, dass ich keine Zimmertüren sehe. Wieso bauen die Spanier ein Hotel ohne Zimmertüren? Vielleicht haben ja die Subventionen der EU nicht mehr gereicht und ich bin in einer kanarischen Bauruine gelandet. Nee, kann nicht sein. Schließlich wohnt meine Mutti auch hier; und mein Schwester. Der Gang knickt nach rechts ab und ich spüre die feuchte Wärme. Kaum gespürt, hetzt mir schon eine junge Frau entgegen. „Die Klimaanlage ist voll der Mist, aber das Hotel ist geil.“ Sagt es und läuft weiter. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob Stiftung Warentest eventuell auch Hotel-Adventure-Spiele programmiert. Mir fällt auf, dass mein Koffer und die Aktentasche, die ich die ganze Zeit mit mir rumschleppe, nichts wiegen, aber ziemlich sperrig sind. Der Gang mündet in einen Raum mit Glasdach. Überall Palmen, blauer Himmel und Senioren auf Deutschland-Flucht. Jetzt spüre ich auch den Unterschied zwischen gewichtslos und sperrig. Koffer und Aktentasche wiegen zwar nichts, ich komme damit aber nicht durch diesen Senioren-Frühstücksraum. Einer der älteren Herren sitzt mit seinem silbernen Metall-Klappstuhl genau auf meinem Kurs zum nächsten Gang. „Darf ich mal bitte?!“ Kurzerhand schiebe ich den Stuhl mit dem Koffer weg. Wow! Was für ein mächtiges Werkzeug. Und irgendwie kann der feindlich blickende Senior froh sein, dass ich in einem Urlaubs-Adventure und nicht in einem Rentner-Shooter gelandet bin.

Ich erreiche den Gang mit Müh und Not. Doch siehe da… eine Putzfrau. Ich krame mein ganzes Spanisch aus allen Schubladen hervor und frage sie, ob sie weiß, wo meine Schwester wohnt. Sie antwortet in einer Sprache, die ich schon mal gehört habe. Egal wie viele spanische Fragen ich ihr auch stelle, sie antwortet immer wieder auf Deutsch. Komisch, ich dachte immer, auf den Kanaren spricht man Spanisch. Langsam gehe ich den dunklen Gang entlang. Die Türen sind dunkelrot gestrichen und in der Dunkelheit kaum zu sehen. Was ich aber sehr gut sehen kann, sind die golden verschnörkelten Zimmernummern. 128, 216. 018, 547… Interessant, die Zimmernummern lesen sich wie meine Playlist im Shuffle Mode. Ich schnaufe wütend. Toll, ich habe ja nur noch 5 Etagen vor mir.

Aber irgendwie war mir der Traumgott dann doch gnädig. Denn nach der nächsten Biegung habe ich dann endlich meine Schwester gefunden. Sie lag gemeinsam mit meiner Cousine in einem Bett und hat gefrühstückt. Und die beiden sahen aus, als wären sie über Nacht um xxx Jahre jünger geworden. Meine Schwester ein frühpubertierter  Teenager. Ich wollte noch sagen, sie soll nicht so viel Tee trinken und zu heftig am Bogadillo nagen, aber genau an dieser Stelle hat mir Morpheus die Lizenz zum Träumen entzogen.

Ich komme nur schwer in die Gänge. Die Wirklichkeit ist immer noch mit dem Traum verwoben. Ich halte den Kopf unter kaltes Wasser. Nach dem fünften Liter komme ich endlich zu mir. Gestört, aber geil. Von wegen, Träume sind Schäume…

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