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3000-Meter-Sturz

LANSA-Tür

Unser Leben ist voll von Überraschungen, gute und böse, spektakuläre und eher alltägliche… Aber mitunter sind diese derart unglaublich, dass sie uns wie ein Wunder erscheinen. Und uns gleichzeitig zeigen, wozu wir mit ein wenig Glück und unserem unglaublichen Überlebenswillen letztendlich in der Lage sind.

Solche Wunder passieren nicht sehr oft. Daher muss Enni in eine Zeit zurück gehen, in der sich meine Eltern noch nicht einmal kannten. Und ich war wahrscheinlich noch ein lustiges, buntes Blümchen, welches auf einer Wiese wuchs und lustig in den blauen Himmel guckte.

Unser Wunder beginnt an einem ganz besonderen Tag, dem 24. Dezember 1971. Während sich Christen auf der ganzen Welt auf den Heiligen Abend vorbereiten, besteigen in Lima 86 Menschen eine Lockheed L-188 Electra der peruanischen Fluggesellschaft LANSA. Diese soll sie via Pucallpa nach Iqitos bringen. Unter den Passagieren befinden sich auch drei Deutsche, ein Zahnarzt aus Berlin und die Ornithologin Maria Koepcke mit ihrer 17-jährigen Tochter Juliane. Diese hat gerade ihr Abitur am Humboldt Gymnasium in Lima gemacht und will den Abschlussball nicht verpassen. So buchen die Koepckes den letzen möglichen Flug nach Pucallpa, Flug 508, um das Weihnachtsfest gemeinsam mit Julianes Vater zu feiern.

Während des Fluges über die Anden gerät die 4-motorige Turboprop in einer Höhe von 22.000 Fuß – das sind rund 6.700 Meter – in ein Gewitter. Das Flugzeug wird von schweren Turbulenzen durchgeschüttelt. Ein Blitz schlägt auf der rechten Seite in einen der Motoren ein und setzt ihn in Brand. Das Flugzeug geht in den Sturzflug über. Im Cockpit versuchen die Piloten, die Maschine zu stabilisieren und lösen damit die eigentliche Katastrophe aus. Bei dem Versuch, den Horizontalflug wieder herzustellen und den gleichzeitig auftretenden starken Turbulenzen wirken extreme aerodynamische Kräfte auf das Flugzeug. Und zwar in einer Größenordnung für die die Lockheed nicht konzipiert ist. Die Folge sind schwere strukturelle Schäden. Die rechte Tragfläche wird komplett abgerissen. Auch Teile der linken Tragflächen werden heraus gerissen. Schließlich bricht das Flugzeug in der Luft in mehrere Teile auseinander. Die Trümmerspur ist 15 km lang.

Beim Auseinanderbrechen der Lockheed wird Juliane Koepcke mit der gesamten Dreiersitzreihe aus dem Flugzeug geschleudert. Kopfüber stürzt sie aus einer Höhe von etwa 3.000 Metern über Grund auf den peruanischen Regenwald zu.
Innerhalb von Gewitterzellen gibt es teilweise sehr starke Aufwinde, die von der aufsteigenden Warmluft verursacht werden. Diese Aufwinde bremsen den Fall ab. Juliane hing an der Sitzbank, diese wirkte wie ein Fallschirm und die schnell aufsteigende Warmluft bremst sie in der Luft.. Schließlich kracht sie in den Regenwald. Das Blätterdach und die Lianen an den Bäumen bremsen sie erneut ab. Dann verliert sie das Bewusstsein.

Die starken Aufwinde haben nicht nur Julianes Leben gerettet. Man vermutet, dass ca. 14 weitere Insassen den 3.000 m Sturz überlebt haben. Es gab aber einen entscheidenden Unterschied. Während die 14 anderen Überlebenden nicht aktiv wurden bzw. nicht aktiv werden konnten und auf Hilfe warteten, machte sich Juliane trotz ihrer Verletzungen auf den Weg, um Menschen zu finden.

Bedingt durch den Sturz hatte sie sich zwei offene Wunden am Arm und am Bein zugezogen, sie hatte eine Gehirnerschütterung, das Schlüsselbein war gebrochen und das Kreuzband im linken Knie war gerissen. Durch den erlittenen Schock war ihr Schmerzempfinden gedämpft. 10 Tage lang schlug sie sich durch den Regenwald. Am 2. Januar 1972 fand sie schließlich ein Boot und einen Unterstand. Hier verbrachte sie die Nacht und wurde am nächsten Morgen von Waldarbeitern gefunden, die die Erstversorgung vornahmen und medizinische Hilfe organisierten.

Juliane hatte sehr viel Glück und sie hat um ihr Leben gekämpft… 10 Tage lang. 10 Tage, die sich gelohnt haben… die ihr die Chance auf ein neues Leben gaben. Sie ist das Mädchen, das überlebt hat.

Juliane Diller ist heute Leiterin der Bibliothek und stellvertretende Direktorin der Zoologischen Staatssammlung München.

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